GLANZ OHNE GLORIA
Am Freitag fand die zweite Ausgabe der Mode Suisse statt. Radikal unaufgeregt. Und durchschlagend erfolgreich
Das war Schwerstarbeit: 264 Looks von 22 Schweizer Designern und 2 Modeschulen in 3 Showblöcken an einem Abend. Der modische Marathon erforderte eisernste Disziplin. Oder viel Champagner. Der Wille war da, am Schluss siegte der Overkill. Aber der Zustand, mit dem man kurz vor Mitternacht schliesslich ins Tram stieg, war der seligster Erschöpfung.
Noch nie wurde Mode in der Schweiz so unaufgeregt und entspannt gezeigt, wie an der Mode Suisse. Nix Wurstprominenz in der ersten Reihe. Nix Formel internationale Designerstars mit Schweizer Mode als Beilage. Nix Pseudo-Awards. Sogar die Sponsoren verhielten sich betont diskret. Im Mittelpunkt stand ganz einfach junge Schweizer Mode. Sowie die Absicht, die Designer mit Einkäufern, Presse und Modeinteressierten zusamenzubringen. Dazu stand parallel zu den Shows ein Showroom in der benachbarten Villa Tobler zur Verfügung.
Und alle kamen sie. Bis auf den letzten Stehplatz. Die, die hier modisch etwas zu sagen haben. Und sie blieben. Vielleicht weniger wegen den Darbietungen auf dem Laufsteg selbst. Sondern vielmehr wegen dem elektrifizierenden Gefühl, dem historischen Moment beizuwohnen, als die Schweizer Mode im eigenen Land endlich ernst genommen wurde.
Zur Mode: Die Showstopper-Show des Abends kam ausgerechnet vom Laufsteg-Debutanten En Soie: Das Zürcher Label setzte das Motto A Scarf Is A Dress radikal einfach um: Eine Handvoll Seidenfoulards in knalliger Stripes & Stars Optik. Drapiert an einer Handvoll Models. Mit Showsound von Dieter Meier. Mehr brauchte es nicht, to get dressed for an other excess.

Simpel, sexy, super: Die Show von En Soie
Die Mutter aller Modedesignerfragen lautet: Wie bleibe ich meinem Stil treu ohne immer die gleiche Geschichte zu erzählen? Im Fall der beiden Lokalmatadoren Nina Egli und Julian Zigerli, die beide auch in New York und Berlin ein Begriff sind, lautet die Antwort: Accessoires. Die Harry Potter Brillen, Unterwäsche und Gesundheitslatschen tragenden Nina Egli Rebel Girls zeigten im Prinzip nichts anderes als die – achtung, das sind Breaking News – neue Toujours Toi Family Affairs Home Accessories Linie: Quiltdecken, Lampenschirme, baumwollgepaddete Laptophüllen und Pfulmen-Handtaschen. Letztere dürften dank ihrer flauschigen Neuartigkeit viele neue Fans finden.

The Home Accessoiries Riot Girls
Julian Zigerlis Markenzeichen sind Männeroutfits in clubcamouflagigen Signatur-Prints mit integrierten Rucksäcken. Sie verbinden auf aufregend neue Weise sportive Streetwear mit Couture und sprechen die Sprache des urbanen Modemanns. Dieser kriegt im Frühling neues Spielzeug in Form einer Oversized-Bag Kollektion. Einige hätten eine frische Silhouette bevorzugt. Keep on pushing it, Julian.

Männer und Taschen. Lösungsvorschlag Sommer 2013 von Julian Zigerli
Dazwischen wurde hauptsächlich monochromer Minimalismus à la Céline durchdekliniert und postolympisch mit weissen Turnschuhen inszeniert. Diesen Look hat man schon auf jedem Laufsteg von Paris bis New York gesehen. Oder bereits bei Zara gekauft. Nun. Die Wiederholung der Wiederholung macht die Wiederholung nicht besser. Less, um beim Grundgedanken des Minimalismus zu bleiben, wäre definitiv more gewesen.
Aber irgendwie war das auch egal. Denn da war ja Luisa Hartema. Die GNTM Siegerin war sozusagen die Glamourbombe des Abends. Am blonden Wonnepropen mit Traumfigur sah jeder Look einfach nur toll aus.

Luisa Hartema in Toujours Toi, LBD, Heinrich Brambilla und Léa Welti
Und wer wollte, konnte immer noch in den Showroom abhuschen. Die Villa Tobler war der heimliche Star des Abends und bot Designern eine grandiose Bühne und Plattform, um mit Interessenten ins Gespräch und ins Geschäft zu kommen.

Wer hätte gedacht, dass Ferdinand Hodler und Schweizer Mode so gut zusammenpassen?
Die Schweizer Mode träumt kleine, selbstgenügsame Träume. Modeinteressierte Schweizer kaufen Coolness lieber bei internationalen Label. Diesen Umstand zu ändern, ist Sinn und Zweck der Mode Suisse. Nach dieser Ausgabe steht fest: Mission possible.
Vive la mode.
© Play Hunter